Tabea Oppliger: So geht soziale Gerechtigkeit

Elisabeth Schoft spricht mit Social Business Gründerin Tabea Oppliger darüber, was das Surfen mit dem Leben zu tun hat, die richtige Balance von Herz und Kopf, und wie sich jeder Mensch mit kleinen Taten für soziale Gerechtigkeit einsetzen kann.

Elisabeth: Schön, dass ich dich heute im Fontis Podcast begrüßen darf. Wir hatten in den letzten Jahren immer wieder Berührungspunkte. Dabei hab ich festgestellt, dass wir eine Leidenschaft teilen – nämlich die fürs Surfen. Du bist eigentlich Kitesurferin, hast dich aber mit Anfang 40 nochmal auf ein anderes Brett gestellt, nämlich auf ein Surfbrett. Gibt es etwas, was dich das Wellenreiten übers Leben gelehrt hat?

Tabea: Ja, sehr viel. Da könnte ich fast nochmal ein Buch schreiben. Es hat mich vor allem Geduld gelehrt. Dranbleiben und Commitment. Wenn man nicht «All in» ist und Surfen zur Priorität macht, zum Lifestyle, dann kommt man nicht vom Fleck und lernt es nicht. Das braucht wirklich Durchhaltevermögen und ganz viel Geduld.

Man braucht Geduld, weil man auf die gute Welle wartet, oder auch, weil man besser werden will. Das Meer oder die Wellen im Meer sind wie das Leben, das einen durchschütteln kann: Mal ist man ganz oben auf, mal spült sie einen wie unter und man ist den Phasen des Lebens ausgeliefert. Einige schüttelt der Lebensozean mehr als andere. Aktuellen Schätzungen zufolge leben im Jahr 2022 circa 50 Millionen Menschen in verschiedenen Formen von moderner Sklaverei, vor allem in Zwangsarbeit wie Prostitution oder in Zwangsehen. Das ist fast 6x so viel, wie die Schweiz Einwohner hat. Was löst diese Zahl in dir aus?

Zuerst löst es Erschütterung aus. Das kann doch nicht wahr sein! Gleichzeitig löst es fast eine Überforderung aus, überhaupt etwas dagegen machen zu können. Es ist so lähmend, diese Zahl zu hören. Ich sag immer, man muss wirklich einfach die eine Person sehen. In allem, was wir auch machen, müssen wir die eine Person, die eine Tochter, den einen Sohn, die eine Freundin, die eine Schwester sehen. Und dann machen wir einen Schritt nach dem anderen, und fokussieren uns nicht auf die eine überwältigende Zahl von 50 Millionen.

Sonst würde man wahrscheinlich nie anfangen, irgendetwas zu tun. Als du das erste Mal recht praktisch mit moderner Sklaverei in Berührung gekommen bist, warst du in der Schweiz. Kannst du mal erzählen, was genau da passiert ist und was das mit dir gemacht hat?

Ich hörte von Menschenhandel und Zwangsprostitution und hörte die hohen Zahlen und war ratlos, was ich dagegen tun kann. Ich hab mich gefragt, ob es die Fälle überhaupt vor Ort gab. Und stellte mir die Frage: Wie kann man helfen? Und dann wusste ich – so wie alles im Leben –, dass wenn man nicht hinschaut, und noch einen Schritt weiter hingeht, und direkt mit so einem Opfer in Kontakt kommt, dass es einen gleichgültig lässt. Als ich in die Augen schaute von einem Opfer, hat sich meine Situation verändert. Sie hat meine Tochter in einem Tragtuch gesehen, als sie 6 Wochen alt war. Dann kam sie mit der einen Bitte, meine Tochter zu küssen. Ich war kurz irritiert, doch diese Frau hat den kleinen Kopf meiner Tochter beküsst und gesagt, dass sie selbst Kinder hätte und nicht wüsste, wo sie sind. Das ist so eine Begegnung gewesen, ein Augenblick – ein Blick in die Augen, den man einfach nicht mehr wegdenken kann. Es ist so unglaublich und geht mitten ins Herz. Ich wusste, dass ich nicht mehr wegschauen konnte. Ich musste etwas tun. Diese Augen vergesse ich nie! Das führte zu weiteren Kontakten mit Opfern, die immer noch im Geschäft drin waren. Eine Aussage von einem Opfer hat mich sehr geprägt: «Ich brauche kein Mitleid, ich brauche einen Job.» Die wollen kein Mitleid, auch wenn sie Opfer sind. Sie brauchen eine ganzheitliche Lösung, um rauszukommen.

Und diese Lösung bietest du jetzt an. Du lebst mit deiner Familie in Tel Aviv und du hast gemeinsam mit deinem Mann Matthias ein Social Business. Ihr gebt Menschen und auch Materialien, die sonst weggeworfen worden wären, eine zweite Chance. Erzähl uns doch, wie genau man sich euer Business vorstellen kann. Was macht ihr?

Der Satz «Wir brauchen kein Mitleid, wir brauchen einen Job» hat zum Social Business geführt. Es entstand die Idee, ein Business zu gründen, das Arbeitsplätze schafft für Leute, die aus der Zwangsprostitution und aus dem Menschenhandel kommen. Sonst haben sie keine Chance, wieder in die Arbeitswelt integriert zu werden. Der erste Arbeitsmarkt ist zu taff für sie. Für die ersten Schritte aus der Prostitution brachen sie eine geschützte Werkstatt, aber auch keine Beschäftigungstherapie. Sie brauchen wirklich einen normalen Job, bei dem man ihnen auf Augenhöhe begegnet, ihnen Würde gibt, ihnen einen Lohn bezahlt und sie gleichberechtigt behandelt anstatt sie auszubeuten. Das ganze führte zu einer Business-Idee, wo wir aus ausgewerteten, kaputten, alten Fallschirmen, Yachtsegeln, Kitesurf-Segeln Taschen kreieren und nähen. Die Angestellten kommen in eine Werkstatt oder ein Studio, in dem man näht, designt und Accesoires, Taschen und Rucksäcke produziert. Wir haben Leute, die das privat Online kaufen. Wir haben viele Firmen, die an Bord kommen und ganze Geschenke für ihre Angestellten oder Kunden kaufen. So können diese Leute einen ersten Job machen und eine Zeit lang bei uns sein, um im Arbeitsmarkt Erfahrung zu sammeln. Unser Wunsch ist es, dass sie weitergehen und ihren Traumjob weiter verfolgen.

Warum habt ihr euch entschieden, das in Israel zu machen und nicht in der Schweiz, wo ihr mehr oder weniger herkommt?

Das ist eine gute Frage! Und ich frage mich das manchmal auch, einfach weil es eine sehr teure Stadt ist. Tel Aviv und Israel ist sehr herausfordernd. Das Leben hier ist intensiv. Aber es ist eine Start-Up-Nation, die innovative Ideen feiert. Der Nährboden ist hier sehr gut für Ideen, die man noch nicht umgesetzt hat. Zusätzlich sag ich dazu immer, dass ich nicht glaube, dass wir Israel gewählt haben, sondern Israel hat uns gewählt. Es waren so viele Begegnungen, die wir mit Menschen hatten, die uns nach Tel Aviv geführt haben. Dort haben wir einfach mal gestartet. Wenn das Modell funktioniert, können wir das hoffentlich in vielen anderen Ländern multiplizieren ...

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