Die Relevanz von Dostojewski im Hier und Jetzt

Dostojewski wird 201 – und zeigt trotzdem eine Wirkkraft, die auch heute noch von Bedeutung ist. Die Zeitlosigkeit seiner Romane sind Grund genug, einen erneuten, unverstaubten Zugang zu Dostojewskis Leben zu bekommen. Den Autoren Markus Spieker und David Bühne gelingt es, Dostojewski wieder zum Leben zu erwecken und seinen christlichen Glauben zentral zu verankern. Eine Rezension von Markus Günther.

Es gehört zur typisch deutschen Genie-Romantik, sich einen großen Schriftsteller als verinnerlichten Künstler, eben als „Dichter und Denker“ vorzustellen, der schnöden Welt entrückt, auf geistigen Wolken schwebend, von der Unbill der Alltäglichkeiten verschont und nur im Innern kämpfend und leidend. Wie wenig passt dazu das Leben von Fjodor Dostojewski! Dass er mit beiden Beinen im Leben stand, dass ihm nichts Menschliches fremd war – all das ist noch ein drastisches Understatement. In Armut geboren, mit 18 Jahren Vollwaise, ein Leben lang in finanziellen Nöten und oft auf der Flucht vor seinen Gläubigern, zum Tode verurteilt und schließlich begnadigt, als Sträfling in Sibirien und dann wieder einfacher Soldat – schier unglaublich, wie auf einem solchen Lebens- und Leidensweg fast en passant einige der größten Romane der Weltliteratur entstanden sind, darunter „Schuld und Sühne“, „Die Dämonen“ und „Die Brüder Karamasow“, von dem so unterschiedliche Menschen wie Sigmund Freud und Marcel Reich-Ranicki einmütig meinten, dass es überhaupt der größte Roman aller Zeiten sei.

Am 11. November jährt sich der Geburtstag Dostojewskis zum 201. Mal. Wer das faustdicke Buch von Martin Spieker und David Bühne liest, lernt viel über Dostojewski und seine Zeit, über das zaristische Russland, in dem es noch bis 1861 Leibeigene gab, aber auch über das Spannungsfeld zwischen innerem und äußerem Leben, über Abgründe der menschlichen Existenz, doch auch über die Größe des menschlichen Geistes, der sich selbst von grausamsten äußeren Geschehnissen und Zumutungen einfach nicht kleinkriegen lässt, im Gegenteil: Dostojewski, so scheint es nach 560 Seiten informativer, aber kurzweiliger Lektüre, hat sich gerade unter dem Eindruck schlimmster Schicksalsschläge zu menschlicher und künstlerischer Größe aufgeschwungen.

In 20 Kapiteln zeigen die beiden Autoren Dostojewski nicht nur in den höchst unterschiedlichen Lebensphasen, sondern auch in seinen vielfältigen Rollen, die er sich selbst ausgesucht hat, doch noch häufiger wurden sie ihm vom Leben zugeschrieben: Politischer Aktivist, zum Tode Verurteilter, Sträfling, Pilger und Familienmensch, Spielsüchtiger und Patient - Dostojewskis Leben gleicht einer atemraubenden Achterbahnfahrt, und die temporeiche Biographie von Spieker und Bühne tut es auch.

Man beendet die Lektüre mit dem Gefühl, das den Autoren wichtiger zu sein scheint als alles andere: mit einem neu geweckten Interesse an diesem Ausnahmeschriftsteller, mit neuer Leselust und Neugierde.

Aber muss Dostojewski überhaupt neu entdeckt, muss für ihn geworben werden? Ja und nein. Seinen Platz in der Literaturgeschichte macht ihm niemand streitig, seinen Status als Klassiker auch nicht, das ist wahr. Aber anders als etwa in den USA, wo „Schuld und Sühne“ bis heute zur Pflichtlektüre an vielen Schulen gehört, ist Dostojewski in Deutschland wohl zu sehr zum Klassiker geworden - bewundert, aber leicht angestaubt, beheimatet in den Bücherregalen eher älterer Semester.

Spieker und Bühne wollen ihn aus diesem ehrenwerten, aber verstaubten Bücherregal herausholen und Dostojewski in seiner Relevanz im Hier und Jetzt zeigen. Der Rahmen, das Russland des 19. Jahrhunderts, hat sich geändert, nicht aber das, worum es eigentlich in seinen Romanen geht: die menschliche Seele, die Tiefenpsychologie des Individuums in einer Welt, die auch schon vor 150 Jahren als überkomplex und verführerisch, als bedrohlich und vereinsamend wahrgenommen wurde. Wo der Mensch selbst das Thema der Literatur ist, wird die Erzählung niemals alt. Das gilt für alle guten Schriftsteller, und für Dostojewski gilt es ganz besonders.

Es gehört zu den Eigenarten dieses Buches, dass es einen Ton anschlägt, der für die traditionelle Literaturkritik ungewöhnlich ist und oft eher zum mündlichen Austausch unter Jugendlichen unserer Tage passt als zum Genre der Schriftstellerbiographie. Unverkennbar soll damit der mutmaßlich schwere Stoff leichter zugänglich gemacht und das Leben eines russischen Schriftstellers im 19. Jahrhundert in seiner Zeitlosigkeit und manchmal verblüffenden Aktualität gezeigt werden. So nennen die Autoren Dostojewskis Hinrichtung (erst in letzter Minute wird ihm die Begnadigung durch Zar Nikolaus I. mitgeteilt) eine „sadistische Psycho-Show“ und den Trommelwirbel für das Erschießungskommando, der schon eingesetzt hatte, den „gruseligen Soundtrack dazu“. Auch der Titel des Buches schlägt diesen Ton an: „Rock me, Dostojewski!“

Mit einer flotten Sprache allein wäre freilich wenig gewonnen. Spieker und Bühne, denen man ihre eigene Dostojewski-Begeisterung auf jeder Seite anmerkt, gehen aber viel weiter und verbinden die auf ein jüngeres Publikum zielende Sprache mit einer Fülle von wertvollen Informationen und Hintergründen, vor allem aber mit einer klugen Auswahl von Dostojewski-Zitaten. Nicht nur als großen Erzähler, auch als lebensklugen Menschen mit prägnanten Aphorismen, lernt man den mit 59 Jahren gestorbenen Russen hier ganz neu kennen.

Und verdienstvoll ist nicht zuletzt, dass die Autoren Dostojewski als gläubigen Menschen zeigen, als Christen durch und durch, der einmal notiert: „Ohne Jesus gibt es nur das Nichts.“ Allzu oft in den letzten 150 Jahren ist Dostojewskis Glaube unter den Tisch gefallen; er passt nicht jedem ins eigene Weltbild. Deshalb ist es gut, dass Spieker und Bühne so akribisch nachweisen, wie zentral der christliche Glaube im Leben und im Werk des Russen war, wobei Glaube hier nicht etwas Abstraktes und Intellektuelles, sondern auch etwas ganz Lebenspraktisches ist: Dostojewski, so fällt dem Gefängniswärter auf, steht abends in der Ecke und betet, kniet nieder und küsst sein Brustkreuz, bevor er zu Bett geht. Dass eine stramm säkularisierte Literaturwelt heute Dostojewski von seinem christlichen Glauben befreien will, lassen Markus Spieker und David Bühne ihr nicht durchgehen. Sie verteidigen die Frömmigkeit seines Lebens und seiner Poesie gegen alle Übergriffe der Nachgeborenen.

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