Lieferverzögerungen zur Geburt von Jesus

An Weihnachten möchte keiner mit leeren Händen kommen. Alles ist vorbereitet, die Geschenke eingepackt, die Lebensmittel eingekauft und das Krippenspiel einstudiert. Doch was, wenn die Idylle des Weihnachtsfests immer mehr dem Druck der Perfektion und Geschwindigkeit standhalten muss? Ein Text von René Graf.

Welches Bild hast du von der Geburt von Jesus? Als Kind sah mein Bild folgendermaßen aus: Da waren Maria und Josef im Stall zu Bethlehem, mit ihnen das neugeborene Kind in der Krippe, und dann kamen auch schon die Hirten vom Felde. Kurz darauf strömten die drei Könige in den Stall und überreichten Geschenke. Ein halbwegs idyllisches Bild, wenn man bedenkt, dass Maria und Josef vorher kein Platz in irgendeiner Gaststätte oder Herberge gefunden hatten. Wenigstens frieren mussten sie im Stall nicht. So dachte ich zumindest. 

Ein falsches Bild

Doch man vermutet es bereits: Dieses Bild ist nicht korrekt.

Das fängt schon damit an, dass in der Bibel an keiner Stelle von einem Stall die Rede ist. Es könnte auch einfach ein Futtertrog draußen in der Kälte gewesen sein. Vielleicht hatten die Hirten noch ein paar Decken dabei, das ist aber rein spekulativ. Und was ist mit den Königen? Diese kamen nicht. Beziehungsweise … sie kamen noch nicht. Vermutlich kamen diese erst ein oder sogar knapp zwei Jahre nach seiner Geburt. Das Problem: Die Weihnachtsgeschichte befindet sich nicht nur in einem, sondern gleich in zwei Evangelien. Matthäus berichtet über Jesu Geburt und anschließend über die Gelehrten (vermutlich Astronomen und Astrologen), die erst in Jerusalem eintrafen und danach nach Betlehem gingen. Lukas hingegen berichtet über die Begebenheiten der Geburt und das drum herum noch viel ausführlicher. Von ihm erfahren wir auch von den Hirten, die in jener Gegend waren und die durch den Engel des Herrn von dieser außergewöhnlichen Geburt erfuhren und das Kind in der Krippe liegend aufsuchten.

Die zeitliche Abfolge

Es ist gar nicht so einfach, diese Ereignisse in der genauen Reihenfolge nachzubilden. Doch die Texte lassen darauf schließen, dass die Hirten zuerst bei Josef, Maria und dem Kind waren. Die Gelehrten kamen später. Vermutlich viel später. Was gibt Anlass für diese Vermutung? Ein kleiner und doch wichtiger Hinweis liefert Matthäus. Er schreibt nämlich: Sie betraten das Haus, wo sie das Kind mit seiner Mutter Maria fanden, fielen vor ihm nieder und ehrten es wie einen König (Matthäus 2,11a). Matthäus berichtet von einem Haus. Das bereits ist ein Indiz dafür, dass diese Gelehrten nicht noch in jener Nacht eintrafen.

Josef und Maria blieben vermutlich nur die erste Nacht draußen bei der Krippe (die wahrscheinlich realistische Variante) oder im Stall (die halbwegs idyllische Variante). Danach dürften sie sich eine Bleibe gesucht haben. Warum gingen sie aber nicht gleich nach Nazareth zurück? Auch dafür dürfte es gute Gründe gegeben haben: Die Distanz zurück betrug rund 270 Kilometer und Maria hatte diesen ganzen Weg hochschwanger bereits zurücklegen müssen. Da sei ihnen eine Pause gegönnt. Also suchten sie sich vermutlich für eine längere Zeit erst einmal eine Bleibe in Betlehem.

Doch wann kamen nun diese Sterndeuter? Was wir von der Bibel her wissen, ist, dass Maria, Josef und das Kind nach dieser Begegnung mit ihnen die Flucht ergreifen mussten. Bereits am nächsten Morgen brachen sie nach Ägypten auf.

Wiederum Lukas berichtet davon, dass Maria und Josef nach 40 Tagen im Tempel waren, um das Reinigungsopfer darzubringen, was damals so üblich war (Lukas 2,21ff). Die Sterndeuter müssen also danach eingetroffen sein, sonst gehen die Ereignisse nicht auf. Da sie diesen Stern oder diese besondere Konstellation am Himmel (zu der man auch noch einen ganzen Fachvortrag halten könnte) vermutlich das erste Mal bei seiner Geburt gesehen hatten, und auch nicht um die Ecke lebten, dürfte es noch einige Zeit länger gedauert haben. Ein Hinweis auf den zeitlichen Rahmen bietet uns ein unschöner Umstand: Herodes lässt nämlich alle Jungen, die zwei Jahre oder jünger waren umbringen. Das war auch der Zeitpunkt, an dem die Sterndeuter dieses Zeichen am Himmel so gedeutet haben, dass da ein König geboren wurde, und sich auf den Weg machten. Also irgendwann nach dem vierzigsten Tag, vermutlich aber knapp zwei Jahre nach der Geburt, trafen sie ein.

Was schließen wir daraus? Jesus musste vermutlich mehr als ein Jahr warten, bis er seine ersten Geburtstagsgeschenke erhielt. Lieferverzögerungen lassen grüßen.

Lieferverzögerungen heute wie damals

Auch heute kommt es bei verschiedenen Anbietern gelegentlich zu Lieferverzögerungen. Gerade um die Weihnachtszeit ist das Bestellvolumen oft riesig und die Ressourcen sind ausgeschöpft.

Ich weiß nur zu gut, wie ärgerlich das sein kann, wenn ein Paket nicht rechtzeitig eintrifft. Am meisten ärgert es mich dann, wenn ich auf die Geschenke für meine Liebsten warte und diese nicht enttäuschen will. An dieser Stelle ist jedoch die Weihnachtsgeschichte ein Appell an mich, vielleicht mal meine Erwartungshaltung zu hinterfragen. Dieses «Heute bestellt, morgen geliefert» gab es zur Zeit von Jesus noch nicht.

Und sind wir doch mal ehrlich: Gott hätte doch auch vorab besser planen können und die Sterndeuter zwei Jahre im voraus über die Geburt seines Sohnes informieren können. Wenn einer so gut planen kann, dann doch ER. Doch Gott macht sich nichts draus, wenn die Geschenke für seinen Sohn erst zwei Jahre nach der Geburt ankommen. Die Sterndeuter waren in der misslichen Lage, dass sie dieses Zeichen erst dann sahen, als Jesus zur Welt kam. Sie konnten beim besten Willen nicht eher bei ihm sein. Erst zur Geburt Jesu sattelten sie ihre Kamele.

Pure Freude

Als die Sterndeuter in das Haus kamen und dort den König Israels sahen, waren sie überglücklich. Es steht an dieser Stelle nicht, was Maria und Joseph in diesem Moment empfanden. Ich mutmaße mal, dass sie sich auch freuten, denn Freude steckt in der Regel auch andere an.

Wenn ich ohne Geschenke dastehe, dann möchte ich es in der Haltung jener Hirten tun, die damals mit leeren Händen fröhlich vom Felde kamen und darüber berichteten, was sie gerade erlebt hatten. Maria, so lesen wir, bewahrte diese Worte in ihrem Herzen und dachte immer wieder darüber nach.

Wenn man davon ein Motto ableiten will, dann könnte es folgendermaßen lauten: Wenn dir die Geschenke zu Weihnachten fehlen, sei du selbst das Geschenk an die anderen.

In diesem Sinne wünsche ich allen fröhliche und besinnliche Weihnachten.

Das könnte dich auch interessieren

Der Gott, der sie sieht

Die Jahreslosung 2023 gibt eine neue Perspektive auf die Flüchtlingssituation in Europa. Andrea...
Weiterlesen

5 Alltagsbegleiter für das neue Jahr

Ein neues Jahr in Gottes Nähe zu verbringen lohnt sich, denn dort ist unser Glück zu finden. Du ...
Weiterlesen

Ich freue mich, dass die Bibel so dick ist, weil ...

Eckhard Hagedorn ist Theologe und promovierter Kirchengeschichtler. Von 1999–2019 war er Dozent ...
Weiterlesen